Kai Kleinwächter

Strukturelle Kriegsunfähigkeit oder Genozid

Die aktuelle Diskussion um zukünftige Militäreinsätze erinnert an Märchen – nach dem Tod des bösen Zauberers ist alles gut und sie leben glücklich bis ans Ende aller Tage…

In der Realität beginnen nach den Kampfhandlungen die Mühen der Besatzung. Für Aufgaben wie die Garantie öffentlicher Sicherheit, die Versorgung der Bevölkerung oder den Aufbau neuer Institutionen braucht es hinreichendes (Besatzungs-)Personal. Der Umfang hängt primär von der Bevölkerungsgröße des besetzten Gebietes ab. Nach der Befreiung Deutschlands 1945 betrug das Verhältnis in der US-Zone mehr als zwei Soldaten pro 1.000 Einwohner – ohne militanten Widerstand und Kooperation der politischen Eliten. Sobald beides ausbleibt, erhöht sich der Bedarf an militärischem Personal drastisch. So stationierte England über Jahrzehnte circa 32.000 Soldaten und Polizisten in Nordirland – ein Verhältnis von ungefähr 20 Sicherheitskräften zu 1.000 Einwohnern.

Diese Statistiken zeigen einen zentralen Grund, weshalb der Westen u.a. im Irak und Afghanistan militärische Niederlagen erlitt. Im Irakkrieg wurden zu Hochzeiten ca. 200.000 ausländische Soldaten eingesetzt. Das entsprach einem Verhältnis von 8 Soldaten auf 1.000 Iraker. In Afghanistan betrug das Verhältnis höchstens 5 zu 1.000. Bei einem Verhältnis wie in Nordirland wären jeweils über 500.000 aktive Soldaten notwendig gewesen. Inklusive Rotation, Logistik etc. hätte jeder der Kriege wohl mehr als eine Millionen Soldaten dauerhaft absorbiert. Selbst die USA haben nicht die Kraft, um auch nur eine solche Besatzung durchzuhalten – geschweige denn zwei gleichzeitig.

Aus der Bilanz der verlorenen Kriege wurden drei unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen:

1. Strukturelle Kriegsunfähigkeit: Es ist unmöglich, eine politische Stabilisierung im Rahmen einer Besatzung gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung zu erreichen. Die Kosten sind nicht tragbar. Kriege sind damit letztlich nicht mehr gewinnbar. Um internationale Konflikte beizulegen, müssen andere Lösungsmechanismen jenseits der militärischen Gewalt gefunden werden.

2. Ausgelagerte Besatzung: Um das Machtinstrument militärische Gewalt zu erhalten, muss der Einsatz eigener Soldaten bei Kampfhandlungen und Besatzung auf ein Minimum begrenzt sein. Gegnerische Eliten sollen sich möglichst politisch unterwerfen. Nachgeholfen wird mit Sanktionen, Wirtschaftskriegen oder ihrer Ermordung, oder auch, indem sie korrumpiert werden. Aus lokalen Verbündeten bzw. Überläufern wird eine „neue“ Elite rekrutiert. Diese organisiert die Stabilisierung und den Umbau des Staates.

Doch im Irak- und Afghanistankrieg wurden diese Verbündeten selbst zum Problem. Ob Nordallianz, Peschmerga oder Sons of Iraq – sie alle fielen durch tiefe Verstrickung in die organisierte Kriminalität, Korruption sowie ausufernder Gewalt auf. Ein stabiler Staat für die gesamte Bevölkerung war mit keinem von ihnen aufzubauen.

3. Vernichtungskriege: Im Zuge der Niederlagen gewann eine radikalere Kriegsstrategie (wieder) an Einfluss. Nicht die Anzahl der Soldaten wird erhöht, sondern die gegnerische Bevölkerung drastisch reduziert. Diese soll nicht beherrscht, sondern gebrochen und vertrieben werden. Massenhaft zivile Todesopfer sind Teil der Kalkulation. Eine Besatzung ist dann weitgehend überflüssig, da es keinen Widerstand mehr gibt.

Ansätze fanden sich bereits in der US-amerikanischen „Shock-and-Awe-Strategie“ (Stichworte: Falludsha, ethnische Umsiedlung in Bagdad, „Hunger als Waffe“, Abu Ghraib). Umfassende Kriegsverbrechen waren kein Fehler, sondern sollten die mangelnde Kraft für eine umfassende Besatzung ausgleichen. Wiederholte Forderung nach dem Einsatz von Flächenwaffen oder sogar der Atombombe zeugten davon, wie weit hier gedacht wurde.

Derzeit überlässt der Westen und auch Deutschland seinen Verbündeten freie Hand bei der Anwendung dieser Strategie. Ob in Israel, Aserbaidschan, Ukraine oder im Sudan – in diesen Konflikten kann der Sieger die eroberten Gebiete nur halten, wenn ein Großteil der dortigen Bevölkerung „verschwindet“. Wenn sie nicht „freiwillig“ geht, werden die Kriege genozidal.

Die Schlussfolgerung muss radikal sein. Selbst Großstaaten bringen nicht mehr genügend Soldaten für eine Besatzung auf. Damit drohen scheinbar kalkulierbare Einsätze in ethnische Vertreibungen umzuschlagen. Auch deshalb ist Krieg als Mittel der Politik abzulehnen.

Der Artikel erschien zuerst in WT 209 – Südamerika in der neuen Weltordnung.

Eine ausführliche Fassung ist auf der Homepage des Autors – zeitgedanken.blog – inklusive der Quellen abrufbar.


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