Erhard Crome

Neues aus dem WeltTrends-Institut

Nach der erzwungenen Corona-Unterbrechung hat das Institut begonnen, wieder inhaltliche Fachdiskussionen zu führen, zu denen die Fellows und weitere Experten eingeladen wurden. Eine Eröffnungsdebatte fand am 18. April 2024 statt. Hier ging es zunächst um eine Einschätzung der derzeit zugespitzten internationalen Lage und um Schwerpunkte der künftigen Arbeit. Dabei stand auch eine anregendes Konzeptpapier von Arne Seifert und Norbert Hagemann zu „Friedenspolitik und alternative Friedensforschung“ auf der Tagesordnung.

Während in der Friedensbewegung viele Fragen der Friedensforschung eher moralisch diskutiert werden, müssen diese hier fachlich zugespitzter gestellt werden. Das beginnt mit scheinbar altbekannten Fragen: Was sind gerechte Kriege? Hat dieser Begriff im Zeitalter der Atombombe überhaupt noch einen Sinn? Wann fängt ein Krieg an? Wie sind allfällige Provokationen im Vorfeld zu bewerten?

Daraus folgen weitere Themen: Ist der Ukrainekrieg die „Urkatastrophe“ des 21. Jahrhunderts? Es wurde die grundsätzliche Frage aufgeworfen, dass in der Geschichte auf Zeiten des gesellschaftlichen und kulturellen Aufschwungs in der Regel Zeiten des Niedergangs folgten. So in Europa das „dunkle“ Mittelalter nach dem Untergang des Römischen Reiches oder die 100 Jahre Krieg und Zerstörung in Deutschland, Frankreich und Polen nach den Errungenschaften der Früh-Renaissance. Offenbar leben wir nach dem Ende des Realsozialismus wieder in einer „dunklen Zeit“ der Kriege und Konflikte, die längere Zeit anhalten wird. Wir brauchen jedoch einen Realismus bei der Lageeinschätzung, der sich von Idealen nicht verabschiedet. Wie sollten „neue internationale Beziehungen“ aussehen? Betont wurde, dass der globale Süden sich zunehmend der Kontrolle des Nordens/ Westens entzieht.

Karin Kulow hielt den Einleitungsvortrag zum Thema „Regionalpolitische Ordnung im Nahen Osten“ am 16. Mai 2024. Der Gaza-Krieg ist für alle Beteiligten ein Scheidepunkt. Israel schwächt sich durch den Gaza-Krieg selbst und damit auch die Positionen der USA im Nahen Osten. Die Gestaltung eines „neuen“ Nahen Ostens vollzieht sich weiter, aber anders als der Westen vor 25 Jahren gedacht hatte. Der Emanzipationsprozess der arabischen Länder geht weiter und der Iran wird stärker. Auch für etliche Staaten der Region erscheint BRICS als geopolitische Alternative.

Zum Thema: „Lateinamerika und der Gaza-Krieg“ referierte am 20. Juni 2024 Raina Zimmering. Zentral ist die Gemeinsamkeit des antikolonialen Kampfes in Lateinamerika und Palästina. Das „Selbstverteidigungsrecht“ wird als Doppelmoral des Westens angesehen. Das Selbstverteidigungsrecht, das Israel beansprucht, steht auch den Palästinensern zu. Insofern richten sich die Proteste gegen Israels „Siedlungs-Kolonialismus“ und „Apartheid“.

Die Klage Nikaraguas gegen Deutschland, die Niederlande, Großbritannien und Kanada wegen Waffenlieferungen an Israel hat Wirkung gezeitigt, der IGH hat die Klage angenommen (auch wenn er eine einstweilige Verfügung abgelehnt hat) und einige Länder haben die Lieferungen reduziert. Das bedeutet aus Sicht Lateinamerikas, dass der Westen „juristische Macht“ abgeben musste. Die Positionen des Südens wurden gestärkt. In allen lateinamerikanischen Ländern stehen die Regierungen unter dem Druck der Zivilgesellschaft, der Bevölkerungen, die Solidarität mit Palästina zu stärken.

Erhard Crome, 24.06.2024


WeltTrends 200 – Multipolare Geopolitik

Die Weltpolitik, die zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, ist heute angesichts globaler Veränderungen und Herausforderungen als analytische Kategorie aktueller denn je. Im Thema betont unsere chinesische Autorin Yuru Lian die drei Besonderheiten der chinesischen Geopolitik: die innere Orientierung, das Bestreben, sich auf das nachbarliche Umfeld zu stützen, sein immer mehr über die staatlichen und regionalen Grenzen hinausgehender weltpolitischer Einfluss. Auf die volle Übernahme neokonservativer Ideologie in Deutschland verweist Petra Erler. Weitere Autoren beschäftigen sich unter anderem mit den bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen (Roland Benedikter), dem Ukrainekrieg und seinen Folgen für Russland (Kerstin Kaiser) sowie zum Wesen des Wirtschaftskrieges (Andreas Forner).

Um aktuelle regionale Probleme geht es im WeltBlick: die Konflikte zwischen Venezuela und Guyana (Raina Zimmering) und zwischen Armenien und Aserbaidschan (Philip Ammon) sowie das Abkommen über die Falepili-Union zwischen Australien und Tuvalu (Oliver Hasenkamp).

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