Zur Erinnerung an Alexander Kluge (1932-2026)

Tanz der Gedanken

Der am 25. März dieses Jahres verstorbene Alexander Kluge war zweifellos ein Multitalent. Er war gleichermaßen Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller und Drehbuchautor, Künstler, Rechtsanwalt und Unternehmer und gehörte der gerade aussterbenden Spezies an, die Gespräche ohne Vorurteile und billige Affekte, mit Respekt und tiefer Kenntnis zu führen und ihre Urteile aus einem profunden Gedankenreichtum zu bilden imstande war.

Ich erinnere mich an eine Begegnung am 14. Juli 2014 in der Volksbühne, zu der mich Alexander Kluge gebeten hatte, um mit ihm im Rahmen seines dctp-Projektes „10 vor 11“ über die Julikrise von 1914 zu reden. Die Kulisse vor dem Theatersaal wirkte unaufgeräumt und experimentell. Während grelle Scheinwerfer auf mich gerichtet waren und Leute durch das Bild liefen, setzte die sonore Stimme Kluges ein, dessen Gesicht – sehr nahe vor mir – für die Zuschauer unsichtbar blieb. Mir wurde klar, dass hier nicht nur einer mein Buch gelesen und innerlich verarbeitet hatte, sondern dessen Gedanken in sein eigenes immenses Erfahrungs- und Gedankengebäude eingebaut hatte, auf wundersame Art. Seine Fragen kamen sofort auf den Punkt und es entwickelte sich ein Gespräch, in dem die Gedanken zu tanzen begannen und immer neue, unerwartete Pirouetten schlugen. Mein Gegenüber schöpfte aus einem ungeheuren Wissensvorrat, den er assoziativ gebrauchte, um Weiterdenken herauszufordern. Es war ein anstrengender Tanz, nicht das übliche fade Abhaspeln von Wissen.

Wir befanden uns auf einem gemeinsamen Weg, neue Kombinationen zu finden und alte Wissensstände mit neuen zu verbinden. Mir saß ein Mensch gegenüber, der trotz seiner viel größeren Erfahrung und seines viel umfassenderen Wissens eine Gespächsebene auf Augenhöhe suchte, Neugier und Respekt aufbrachte und sich auf meine Gedanken einließ, um sie im Gespräch weiterzuentwickeln. Gedanken schwebten im Raum, in einem quasi flüssigen Aggregatzustand, sie tanzten befreit von Starre und Rechthaberei. Ich hatte den Eindruck, dass es ihm nicht um ein festes Urteil zu einem historischen Ereignis ging, sondern darum, die Kontur des Möglichen und Wahrscheinlichen eines Bildes auszufüllen, das Überzeitlichkeit beanspruchen konnte.

Die Diplomaten hätten, so Kluge, im Juli 1914, angesichts auseinanderlaufender und irritierter Handlungsebenen regressieren müssen, bis zudem Punkt, wo man wieder festen Boden unter die Füße bekommt. Gleich nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat Kluge diese Gedanken wieder aufgenommen und mit Blick auf den Frieden von Münster und Osnabrück 1648 nach dem 30-jährigen Krieg davon gesprochen, zum Ausgangspunkt des Konfliktes zu regressieren. Frieden sei nur möglich, wenn beide Parteien zum „Schnittpunkt der Schmerzlinie“ zurückgingen, also zu jenem Punkt, an dem „nicht die eine Seite mehr gesiegt hatte als die andere. Der Punkt liegt für alle Konfliktparteien gleich weit entfernt von ihren Wünschen.“

Weil Kluge eine einseitige Parteinahme für die Ukraine vermied und als Pazifist jede eitle Selbstgewissheit der aufkommenden Debatte nicht mitmachte – „Bosheiten sind auf beiden Seiten gut verteilt“ – wurde er als „Verharmloser des russischen Angriffskrieges“ (Yelizaveta Landenberger u.a.) gescholten, als jemand, der auf Putin hereingefallen sei.

Diese übergriffige Blickverengung hat die deutsche Medienlandschaft beschädigt. Sie ist Ausdruck einer ramponierten Diskurskultur, in der nicht mehr nach einem gemeinsamen Weg der Erkenntnis gesucht wird, der in einem breiten Erfahrungsschatz wurzelt, sondern nach der Bestätigung der eigenen, oberflächlich gebildeten Vorurteile. Vernünftige Gedanken, die einen Weg aus der Sackgasse weisen, werden in einer Welt ohne Tiefgang überhört, zerredet, miniaturisiert. Friedrich Nietzsche hat es folgendermaßen gefasst: „Man mag seine Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen überklingeln!“

Es ist an der Zeit, umzukehren und an einem vorurteilsfreien Diskurs anzuknüpfen, bei dem sich die Teilnehmer selbst reflektieren und wertschätzen, Vorurteile erkennen, verbindend-konstruktiv wirken und Lernchancen nutzen. Alexander Kluge hat dies in vorbildlicher Weise vorgeführt.

Prof. Jürgen Angelow
Vorstand WeltTrends


WeltTrends 209 – Südamerika in der neuen Weltordnung

Die USA beleben die Monnroe-Doktrin wieder. Die neue „Donroe-Doktrin“ und die Steigerung des Staatsterrorismus der USA gegenüber Kuba durch Interventionsdrohungen, einer Ölblockade mit katastrophalen humanitären Folgen und der Haftbefehl der USA gegen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raul Castro machen den Lateinamerika-Schwerpunkt dieses Heftes hoch aktuell.

Auch die Militärintervention in Venezuela inklusive dem völkerrechtswidrigen Kidnapping des Präsidenten Nicolas Maduro durch die USA zeigen, dass diese absteigende Supermacht in Lateinamerika die Basis für ihre Dominanz in einer multipolarenWelt sieht. Die Beiträge des Lateinamerika-Schwerpunktes zur neuesten Entwicklung des Kontinents zur Sicherheitslage, zu den Beziehungen zu den USA, China und Russland, zum EU-Mercosur-Abkommen und der Entwicklung in Brasilien analysieren das widerspruchsvolle Verhältnis Lateinamerikas zwischen dem Streben nach größerer Autonomie einerseits und einer Anpassung an die imperialen Ambitionen der USA andererseits.

Bildnachweis: Das Porträt von Alexander Kluge stammt vom Berlinale-Empfang der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin, 2020. Autor: Martin Kraft. Lizens: Creative Commons ShareAlike 4.0 International – CC BY-SA 4.0. Das hier verwendete Materila stammt von wikimedia.org.

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