Die gegenwärtige Weltlage verlangt eine neue Kultur der Internationalen Beziehungen. Wird es eine deutliche Fortentwicklung des Internationalen Systems als regelbasierte Ordnung geben oder ein Zurück auf die Stufe imperialer Herrschaftsräume? Kann das Staatensystem auf Multilateralismus, also auf friedlicher Koexistenz und Konfliktlösung, Diplomatie und gegenseitigem Respekt sowie der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten bei Anerkennung der territorialen Integrität anderer Staaten beruhen? Oder hat eine solche Ordnung aufgrund ihres Mangels an Durchsetzungsmacht, Interessenlogik und Vertrauen abgewirtschaftet, so dass Stabilität nur bei imperialer Hegemonie und autoritären Herrschaftsstrukturen im Innern möglich ist? Wir stehen vor einer schwerwiegenden Alternative, deren extreme Positionen in einem Streitgespräch aufeinanderprallen.
Eine multipolare Welt funktioniert am besten auf multilateraler Basis: kooperativ, auf Augenhöhe und verlässlich, aber sie braucht mehr Entscheidungs- und Durchsetzungsmacht, sagt der Historiker Jürgen Angelow. Imperiale Ordnungskonzepte sind überlegen, weil sie auf realer Macht und klar definierten Interessen beruhen, sagt der Politologe Burkhardt Otto.
Prof. Dr. Jürgen Angelow
geb. 1961, hat vorrangig zur Militär- und Sicherheitspolitik sowie zu militärischen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts publiziert und in den letzten Jahren als Politikberater gearbeitet. Kontakt: Juergen.Angelow@t-online.de
Burkhardt Otto
Studium der Politikwissenschaft, Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaft an der Freien Universität Berlin, seit den 1980er Jahren selbständiger Unternehmensberater, Ende der 1990er Jahre Studium der Geschichte an der Universität Potsdam, seither als Unterstützer wissenschaftlicher Projekte und Exkursionen sowie als Vortragender bei Veranstaltungen mit kultur- und universalhistorischem Hintergrund tätig.
Jürgen Angelow
Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es die Hoffnung auf eine friedlichere, weniger repressive Welt. Doch diese Hoffnung war trügerisch, weil sie auf der ungezügelten amerikanischen Hegemonie und dem Willen der USA beruhte, nicht als „friedlicher Hegemon“ zu wirken, sondern auf sich selbst gestellt und/oder mit Hilfe der NATO Macht ungestört zu maximieren. Wir haben das bereits im Jugoslawienkonflikt gesehen. Mit dem Aufstieg Chinas, dem Wiederaufrappeln Russlands unter Putin und dem Aufkommen einer globalen wirtschaftlichen Alternative der aufstrebenden Schwellenländer zum transatlantischen System (BRICS-Staaten) setzte ein Verfall der amerikanisch-nordatlantischen Hegemonie ein, der bis heute anhält, ungeachtet der wirtschaftlichen und politisch-militärischen Gegenbewegungen unter Trump.
Die Welt wird zunehmend multipolar, sie könnte sich in Richtung Multilateralismus entwickeln und an der Tradition früherer Gleichgewichtssysteme auf eben dieser Grundlage anknüpfen, die Gewalt eingehegt, Ausgleich ermöglicht und oft recht stabile Friedensperioden zur Folge hatten. Eine imperiale Ordnung ist ebenso denkbar. Sie korrespondiert mit dem gerade stattfindenden Rückzug der USA aus internationalen Organisationen (z.B. UNESCO und WHO) und Verträgen (z.B. INF-Vertrag und Open Skies) sowie mit dem Abbau der Demokratie in einer Reihe kapitalistischer Staaten.
Burkhardt Otto
Aufgrund unserer Erfahrungen mit Kolonialismus und Imperialismus ist der Begriff des Imperiums negativ besetzt. Doch der vermeintliche Übergang in eine multipolare Welt bereitet ebenfalls Unbehagen. Wir wissen nicht, welche Kosten dieser Prozess verursachen wird, wenn er sich denn überhaupt durchsetzen sollte. Dadurch wird die Frage nach imperialen Ordnungskonzepten heute neu gestellt. Imperien – also großräumige Reiche mit zentralem Machtzentrum und beherrschendem Einfluss auf andere Staaten – schaffen Ordnung und garantieren Regeln, denken wir etwa an das Römische Reich oder die Pax Britannica. Viel stärker als wir gemeinhin annehmen, werden Imperien nicht durch die negativ besetzte Vorstellung vom Zwangs- und Unterdrückungsapparat zusammengehalten, sondern von gemeinsamen Werten und Zukunftsvorstellungen. Und es scheint realistischer und ehrlicher, an imperiale Interessen anzuknüpfen, statt sich weiter am Geist klassischer Völkerrechts- und UNO-Ideale zu orientieren, deren Wirksamkeit ohnehin fraglich ist.
Jürgen Angelow
Zweifellos bestimmt das Ringen zwischen imperialen und multilateralen Ordnungskonzepten schon jetzt den Charakter gegenwärtiger Konflikte. Es geht um Dominanzfreiheit oder um imperiale Durchdringung und Beherrschung von Räumen. So entstand der Ukrainekrieg aus der Zurückweisung des geopolitisch begründeten amerikanischen Ausgreifens nach Osteuropa und dem darauf fußenden russischen Versuch, eine Interessensphäre an seiner Grenze durchzusetzen. Imperiale Ordnungskonzepte münden regelmäßig in Tod und Zerstörung, wie die Kriege im Irak, in Afghanistan, Libyen und jüngst im Iran zeigen. Mehrere Millionen getötete oder infolge von Kriegen umgekommene Zivilisten und ein ärmeres, perspektivloseres Leben für die Überlebenden. Von einer „Befriedung“ der Regionen kann überhaupt nicht die Rede sein. Diese Kriege zeigen zugleich die Überforderung der USA als Global Cop.
Es ist ein Dilemma: Einerseits muss die Menschheit den bellizistischen Pfad wieder verlassen und imperial-geopolitischen Perspektiven abschwören, um nicht noch schlimmere Folgen in Kauf zu nehmen. Andererseits ist die derzeitige Ineffektivität kooperativer Aushandlungsprozesse mit Händen zu greifen, so dass nachhaltige, von allen Seiten akzeptierte Lösungen bisher kaum erreicht werden können. Die UNO ist noch immer Ausdruck der Weltordnung des Kalten Krieges, sie muss reformiert und durch Ausstattung mit mehr Macht und Verbindlichkeit sowie wirksamere Sanktionsmechanismen in eine funktionierende Form überführt werden. Es braucht eine erneuerte Kultur der Internationalen Beziehungen, die Erfahrungen mit kollektiven Konfliktlösungen aufnimmt und diese vor allem weiterentwickelt.
Burkhardt Otto
Begeben wir uns doch einmal auf die Ebene eines illusionslosen Realismus: Frieden, Toleranz und Diplomatie sind als bloße Formeln gescheitert. Wir sollten also nicht von einer besseren Welt träumen und wir sollten Demokratie nicht weiter als Gängelungs- und Überwältigungsprojekt vor uns hertragen. Angeraten wäre es, das Scheitern bestehender Ordnungen zu analysieren. Denn es handelte sich häufig um einen Multilateralismus „à la carte“, in den sich auch hegemoniale Elemente mischten.
Die Internationale Politik wird durch Interessen, Macht, Imperien und Sphärenbildung bestimmt. Trump erscheint nicht nur als Person, sondern als Ausdruck einer strukturellen Entwicklung, weg vom liberalen Universalismus, hin zu disruptiven, interessengeleiteten Lösungen. Wir steuern auf mehr Disruption zu. Kriege können langwierige und kostspielige Entwicklungen abkürzen und eine stabile Ordnung hervorbringen, wie Ian Morris herausgearbeitet hat. Denkbar sind bestenfalls noch Deals zwischen den Großmächten, auch auf Kosten normativer Prinzipien. Ein neuer Nationalismus und eine Renaissance klar definierter Interessenpolitik erscheinen viel wahrscheinlicher als eine Rückkehr zur wertebasierten Ordnung. Das demokratische Zeitalter könnte an seine Funktionsgrenzen gestoßen sein, gerade auch angesichts technologischer Beschleunigung.
Jürgen Angelow
Widerspruch! Ein imperiales Konzept lässt sich nicht mehr ohne weiteres durchsetzen. Wir haben es also nicht mit Imperien zu tun, sondern mit einer multipolaren Diversifikation bei durchaus ungleicher Verteilung von Machtressourcen, wobei die USA und China herausragen. Zu fragen und nachzuprüfen wäre, ob sich eine imperiale Herrschaftsteilung zwischen den USA und China herausbildet oder ob sich China der imperialen Logik viel mehr entzieht. Imperien müssen immer wieder entsprechend ihrer imperialen Mission handeln. Wenn sie dem ausweichen, schwindet ihre Legitimität. Wir sehen, wie die USA derzeit beim Versuch versagen, internationale Konflikte zu beenden. Denn jede imperiale Mission – auch die der Konfliktlösung – wird durch die Ressourcen und Fähigkeiten des Imperiums begrenzt. Eine Ausweitung der imperialen Mission kann zur Überforderung oder zum Kollaps des Imperiums führen. So sind die USA bereits heute auf europäische Unterstützung angewiesen, wollen sie den Ukrainekrieg ohne Gesichtsverlust beenden oder ihre Iran-Mission fortsetzen.
Von Wertebasierung ist da zum Glück nicht mehr die Rede, diesem Irrweg hätte man nie folgen dürfen. Multilateralismus kommt ohne sie aus, ist aber nur dann glaubwürdig, wenn seine Maßstäbe verlässlich bleiben und sich nicht situationsbedingt ändern. Wenn Trump eigensinnige NATO-Partner sanktioniert, handelt er in imperialer Logik. Doch muss sich das Disruptive nicht zwingend durchsetzen, da es Ausdruck der Unsicherheit und Schwäche der amerikanischen Position ist. Die derzeitige US-Sicherheitsdoktrin stellt die Begrenzungen des Imperiums bereits in den Vordergrund, indem Räume priorisiert und auf den Abbau von Konflikten gesetzt wird. Das markiert den Versuch eines geregelten Rückzugs, nicht den einer imperialen Offensive. Den Gedanken von Ian Morris lehne ich rundweg ab. Er erinnert mich an den Dekadenz-Diskurs vor 1914. Dabei ist mir jeder brüchige und noch so unvollkommene Frieden tausendmal sympathischer als ein „reinigendes Gewitter“. Das Thema der technologischen Entwicklung sollten wir in Bezug auf die Internationalen Beziehungen gesondert betrachten, das ist ein weites Feld.
Burkhardt Otto
Nach Ian Morris findet die eigentliche Konkurrenz um den Anspruch statt, den Global Cop zu stellen, also jene Weltmacht zu sein, die die absolute militärische Überlegenheit besitzt und Ordnungsfunktionen durchsetzt. Morris hat auch konstatiert, dass die US-Hegemonie an wirtschaftlicher Schwäche und finanzieller Knappheit scheitern und die Rolle des Global Cop schnell China zuwachsen wird. Doch das war ein Irrtum: Seither stieg zwar die US-Verschuldung von 17 auf 38 Billionen US-Dollar, aber auch der Rüstungsetat von 475 Milliarden auf 1,5 Billionen, finanziert von der Zentralbank Chinas. Zudem sind die USA militärtechnologisch allen Streitkräften der Welt weit überlegen; und diese Überlegenheit wächst exponentiell. China hätte schon längst die Reißleine gezogen, würde es keine hegemonialen Ausgleichsmöglichkeiten mit den USA sehen.
Jürgen Angelow
Die globale nichtmilitärische Machtverteilung ist dagegen längst multilateral. Darüber hinaus wird ein Global Cop schon durch die Existenz mehrerer Atommächte limitiert. Und Chinas Machtprofil ist deutlich geringer ausgeprägt als das der USA. Von daher würde ich auch die Frage einer Machtteilung mit den USA zurückhaltender bewerten. Nach eigener Aussage unterstützt China ein reformiertes UN-System. Es will keinen imperialen Status für sich aber auch nicht für andere. Xi forderte in Tianjin (1. September 2025) eine „gleichberechtigte und geordnete Multipolarisierung der Welt“, einschließlich „wirtschaftlicher Globalisierung“ durch Umgestaltung der internationalen Institutionen hin zu mehr „global governance“, sprich: mehr Durchsetzungs- und Machtressourcen für die Vereinten Nationen.
Burkhardt Otto
Ich sehe China nicht als imperiale Gegenmacht, eher als imperialen Verhandlungspartner, „do ut des“, also Herrschaftsteilung durch Übereinkunft. Zum Beispiel: China domestiziert Nordkorea und darf im Gegenzug Taiwan besetzen. Und wehe dem, der diesen Deal stört. Aber zurück zur Ausgangsfrage: Welche Ordnung kann unter realen Machtverhältnissen überhaupt noch Stabilität schaffen? Doch nicht die des liberalen Universalismus und Völkerrechts, auch wenn es moralisch verankert ist. Der ‚Mensch ist noch immer des Menschen Wolf‘, wie Thomas Hobbes im Leviathan festgestellt hat. Und wie kann eine alternative Ordnung möglichst schnell durchgesetzt werden? Das Völkerrecht stellt doch gegenwärtig überhaupt keine reale Machtressource mehr dar. Die Ethik hat – mit Niklas Luhmann – doch auch die Pflicht, vor der Moral zu warnen.
Jürgen Angelow
Also Völkerrecht oder Recht des Stärkeren? Letzteres wäre ein Riesenschritt zurück und beileibe kein freiwillig akzeptierter Ordnungsrahmen. Doch die Institutionen und Regeln des Völkerrechts sind in die Jahre gekommen, sie entsprechen dem, was nach der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges als menschlich und friedensstiftend angesehen wurde, einschließlich des Versuchs, Kriege zu verhindern, Kooperation zu stiften und Konflikte mit Diplomatie zu regeln. Darin bestand auch die Vision eines Thomas Hobbes, der nicht von seinem Ausgangspunkt (chaotischer Urzustand) sondern von seinem Zielpunkt (Regelwerk, Vertragstheorien, Affektkontrolle) aus gelesen werden muss. Multilaterale Regelwerke beruhen auf nüchterner Kosten-Nutzen-Analyse. So basierten die Gleichgewichtsideen nach dem Westfälischen Frieden (1648), dem Frieden von Utrecht (1713) und erst recht nach dem Wiener Kongress (1815) nicht auf moralischen, sondern auf physikalischen Erwägungen, ging es doch darum, die Gewichte so zu verteilen, dass das Pendel immer zugunsten der Status-quo-Mächte ausschlug. Und auch der Gedanke des Völkerrechts ist rational und nicht moralisch. Er wird nicht dadurch falsch, dass es weiterentwickelt werden muss oder weil Autokraten und Irregeleitete versuchen, die Regeln zu unterlaufen, zu brechen oder auszuhöhlen.
Burkhardt Otto
Ich bin skeptisch, was die gegenwärtige Durchsetzbarkeit derartiger Regelwerke auf multipolarer Grundlage angeht. Ein imperiales Projekt ließe sich wahrscheinlich einfacher realisieren. Uns läuft sowieso die Zeit weg. Sagen wir es realpolitisch und drehen wir den Spieß einmal um: Welche Konstellation wäre denn notwendig, eine regelbasierte Ordnung wieder in Gang zu bringen?
Jürgen Angelow
Die gegenwärtige Lage birgt immerhin einige Chancen. Es kommt darauf an, dass sie von den Vernünftigen ergriffen werden: Denkbar wäre die Erneuerung eines Regelwerks auf multilateraler Grundlage, wenn sich eine große Mehrheit der Mitglieder innerhalb der UNO für deren Reform aussprechen würde und die Gegenkräfte dies nicht hindern könnten. Dies wäre eher wahrscheinlich, wenn sich die USA angesichts mehrerer Konflikte oder nach militärischer Überforderung außerstande sähen, ihre imperiale Mission aufrechtzuerhalten. Das setzt zweierlei voraus: zum einen muss China als sehr bedeutender Einflussfaktor und mit ihm eine deutliche Mehrheit der Staaten an einer Stärkung kollektiver, dominanzfreier Konfliktlösungen weiter interessiert sein, zum anderen muss sich die Verweigerungshaltung der NATO-Partner weiter ausbreiten, als bloße Vasallen imperiale Statussicherung für die USA zu betreiben. Unter diesen Umständen wäre es sogar denkbar, dass sich Europa als eigenständiger Machtfaktor selbst ermächtigt und es zu einem Aufeinanderzugehen von Europa und den BRICS-Staaten, einschließlich Russland zum gegenseitigen Vorteil kommt.
Burkhardt Otto
Ein solches Aufeinanderzugehen ist in der Tat ein Postulat der Vernunft, überdeutlich seit Kriegsbeginn in der Ukraine, und wäre der Weg Europas für mehr internationale Handlungsfreiheit gewesen, angesichts der Energiekrise heute mehr denn je. Und die NATO ist nichts ohne die USA. Europa ist nichts ohne den Nuklearschirm der Amerikaner. Eine europäische Vernunft ist gegenwärtig nicht ohne die USA realisierbar.
Jürgen Angelow
Ich glaube nicht, dass dieser Nuklearschirm tatsächlich existiert. Von daher muss Europa zwar verteidigungsfähig und notfalls zur Abschreckung bereit sein, wird aber umso mehr auf kooperative Lösungen im Internationalen System angewiesen sein. Versuchen wir doch, ein Anforderungsprofil für die Erneuerung eines geregelten Systems zu entwerfen, welches politische Akteure wenigstens inspirieren oder ermutigen kann, sofern sie realistisch und zukunftsoffen denken und kontrastieren wir dies mit den Umrissen einer imperialen Ordnung, wie sie möglich wäre, würden wir die Dinge wie bisher laufen lassen.
| Multilaterale Ordnung | Imperiale Ordnung |
| Grundlage, Interessen und Frieden Grundkonsens globaler menschlicher Interessen und Anforderungen an das Internationale System mit einer weltweit akzeptierten Zielbeschreibung für die Internationalen Beziehungen (Frieden, Beseitigung von Armut, Hunger und Krankheiten, Bewahrung der Lebensgrundlagen der Menschheit, Akzeptanz der Verletzbarkeit der Welt, friedliche Koexistenz unterschiedlicher Systeme, Akzeptanz unterschiedlicher kultureller und religiöser Traditionen) | Grundlage, Interessen und Frieden Nationale bzw. imperiale Interessen zur Schaffung großer, befriedeter Herrschaftsräume (Pax Romana). Ausgleich mit anderen imperialen Mächten nach der Devise „Teile und herrsche!“ Eindämmung von Kleinkriegen zwischen Bürgerkriegsparteien oder mindermächtigen Staaten innerhalb des Imperiums. Herstellung des Friedens als Arrangement mit anderen Mächten. Festlegung politischer Binnenziele gemäß des jeweiligen Ordnungssystems der imperialen Macht |
| Interventionismus und Ordnung Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten und Respekt vor deren territorialer Integrität, Durchsetzung gemeinsamer Beschlüsse zur Aufrechterhaltung der Ordnung | Interventionismus und Ordnung Interventionismus durch den Hegemon, Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten zur Durchsetzung eigener hegemonialer Ziele und der imperialen Ordnung |
| Konfliktlösung und Konfliktlosigkeit Lösung von Konflikten durch Ausgleich, langsame Entscheidungsprozesse. Verhandlungen unter Einsatz neutraler Mediatoren, die Grenzen und Nachkriegslasten festlegen. Friedensschlüsse unter Anwendung der Oblivionsklausel, um die Zukunft über die Vergangenheit zu stellen. Nichtanerkennung militärisch erworbener Vorteile und Grenzen. | Konfliktlösung und Konfliktlosigkeit Das Imperium gebietet das Ende konfliktträchtiger Konkurrenz. Teilweise abrupte, schnelle Entscheidungsprozesse. Stabilität und Ordnung brauchen Durchsetzungsmacht und imperiale Strukturen. |
| Gewalt und Gewaltverzicht Status-quo-Sicherung hat Vorrang vor Disruption. Gewaltverzicht und Sanktionierung jeglicher Gewaltanwendung durch die übrigen Staaten mit Hilfe einer wirksamen Exekutionsordnung (Ausschluss vom Welthandel, Suspendierung von internationalen Partizipationsrechten, notfalls Anwendung von kollektiven Zwangsmitteln), Herabstufung gewaltbereiter Staaten im Internationalen System. | Gewalt und Gewaltverzicht Akzeptanz disruptiver Maßnahmen, auch des Einsatzes militärischer Gewalt zur Erreichung eines höheren Plateaus in den Staatenbeziehungen auf der Grundlage der Unterordnung aller unter den Wertekanon der imperialen Macht bzw. der imperialen Mächte. Pflicht zur Heeresfolge für Vasallen innerhalb eines Imperiums. Dem Imperium stehen auch nichtmilitärische Instrumente zur Verfügung, etwa militärische Drohungen, Sanktionen, Schulden, Marktzugangsbeschränkungen und Zölle |
| Kooperation und Zusammenarbeit Schaffung positiver Anreize und vertraglicher Regelungen für internationale Zusammenarbeit, freiwillige wirtschaftliche Verflechtung | Kooperation und Zusammenarbeit Tributleistung anstelle von internationaler Zusammenarbeit, Vertiefung eines ungleichen und gehemmten Austauschsystems (Zölle und Autarkiebestrebungen), Ausstieg aus internationalen Verträgen |
| Vertrauen und Recht Vertrauensbildung und Abrüstung. Verzicht auf Ersteinsatz von Nuklearwaffen und Verankerung dessen in den Militär-Doktrinen aller Staaten und Allianzen, keine Weiterverbreitung von Atomwaffen und keine Atomwaffentests. Vertrauensbildung durch Rüstungskontrolle und gegenseitige Überwachung, Verzicht auf destabilisierende Maßnahmen (Tests, Manöver) | Vertrauen und Recht Statuierung des „Rechts des Stärkeren“, einschließlich der Möglichkeit, Waffen jeder Art zur Aufrechterhaltung der eigenen Suprematie einzusetzen, Misstrauen gegen andere Staaten und Führung von Präventivkriegen zur Verhinderung deren militärischer bzw. nuklearer Ertüchtigung, mehr Unsicherheit durch Ausstieg aus Rüstungskontrollverträgen |
| UNO und Diplomatie Verhandlungen auf der Basis des gegenseitigen Respekts, einheitlicher Standards sowie der Sicherung von Verbindlichkeit. Ertüchtigung der UNO als belastbare Handlungsebene souveräner Staaten zum regelmäßigen Austausch, zur Austarierung ihrer Interessen sowie zur Konfliktbewältigung unter Anerkennung regionaler Interessen sowie der Verteidigung der Vielfalt und Einzigartigkeit aller Glieder | UNO und Diplomatie Asymmetrische Verhandlungsführung zum eigenen Vorteil unter Missachtung der Rechte und Interessen der jeweiligen Verhandlungspartner. Der „gierige Hegemon“ betreibt Machtmaximierung zu Lasten anderer Staaten, um seinen Status zu erhalten. Abschaffung oder völlige Entmachtung der UNO und deren Ersetzung durch ein Gremium willfähriger Staaten, welches durch den Hegemon gelenkt wird |
WeltTrends 208 – Polen und Deutschland
Wie stehen Polen und Deutschland in diesen Wendezeiten zueinander? Eine fundamentale Frage nicht nur für Polen und Deutsche.
Die Beiträge des von Jürgen Angelow herausgegeben Heftschwerpunktes bieten dazu differenzierte Einblicke. Holger Polit zeichnet den Weg Polens in den Westen nach und erinnert dabei an wichtige Meilensteine in den deutsch-polnischen Beziehungen. Stefan Garsztecki, Krzysztof Ruchniewicz und Agnieska Kudelka widmen sich verschiedenen Aspekten der Aufarbeitung der Vergangenheit im Verhältnis beider Völker und Staaten aus polnischer Sicht. Tendenziell orientieren die Autoren in Richtung einer Verantwortungspartnerschaft, in der bestehende Konflikte auch in ihrer Asymmetrie offen anerkannt und institutionell bearbeitet werden sollten. Die deutsche Wiedergutmachung nimmt hier naturgemäß einen breiten Raum ein. In der innerpolnischen Debatte spielt dabei auch die unterschiedliche Behandlung verschiedener Opfergruppen eine Rolle. Kornelia Golombek rundet den Schwerpunkt mit einer Einschätzung zur gegenseitigen Wahrnehmung von Deutschen und Polen ab.
Harald Portofée, Rechtsanwalt i.R. und Notar a.D., Nortorf
Um es vorwegzunehmen: ich bin da ganz bei Jürgen Angelow und halte ebenfalls den Multilateralismus für die bessere Variante.
Natürlich hat Burkhard Otto recht, wenn er sagt, daß die imperiale Ordnung Regeln schafft und Ordnung garantiert. Aber um welchen Preis?
Er führt als Beispiele das Imperium Romanum und das British Empire an. Wer sich an die Regeln des Hegemons hält, hat es dort gut. Aber wehe dem, der nicht kuscht. Dann kommen Geschehnisse wie in Numantia, Alesia, Judäa, Amritsar, Oranje und Transvaal usw. vor. Und selbst Unterwürfigkeit schützt nicht vor Vernichtung ( z. B. Karthago). Es wird zwar Ruhe und Ordnung geschaffen, aber es ist eine Friedhofsruhe.
Die Ansicht von Ian Morris teile ich ebenfalls nicht, da sie nicht überzeugt. Wenn mich zum Beispiel eine Wespe in der Wohnung stört, beende ich die Belästigung nicht durch schnelles Totschlagen der Wespe, sondern durch langwieriges, aber ethisch einwandfreies Einfangen und aus dem Haus Setzen des Tieres.
Richtig ist zweifellos, daß in der derzeitigen Weltlage Diplomatie und Anstand auf dem Rückzug und leider die auf jeden Anstand pfeifenden „Ledermänner“ im Vormarsch sind.
In meiner Studentenzeit wurde in „Allgemeine Staatslehre, Völkerrecht, Europarecht“ immer die Frage aufgeworfen, ob das Völkerrecht überhaupt als ein Recht als solches anerkannt werden könne, weil es etwa im Gegensatz zu Regeln aus dem BGB oder StGB nicht oder nur eingeschränkt durchgesetzt werden kann. Die Frage wurde immer positiv beantwortet, unter Hinweis auf die UNO, mögliche Sanktionen, das allgemeine Sittengesetz usw. Aber nun kommen Leute wie Trump und auch Putin, die auf die Regeln von Sittengesetz und Völkerrecht pfeifen und ohne Rücksicht auf andere und auch ohne Rücksicht auf das eigene Volk machen, was sie wollen.
Insofern ist der Multilateralismus zwar die moralisch höherwertige und auf jeden Fall vorzuziehende Ordnung, die imperiale Ordnung aber leider auf dem Vormarsch, nicht zuletzt dokumentiert durch Vetorechte im UN-Sicherheitsrat und durch die Unverbindlichkeit des Internationalen Strafgerichtshofes für gewisse Staaten. Würde das geändert, könnte dieser Trend umgekehrt werden.