Lutz Kleinwächter – Nachruf
Unser Freund und Mitstreiter, der langjährige Vorsitzende des WeltTrends e.V. Prof. Dr. Lutz Kleinwächter, starb am 1. November 2025, nach langer schwerer Krankheit und dennoch unerwartet. Bis zuletzt hatte er die WeltTrends-Angelegenheiten mit gelenkt und noch das Herbstheft 2025 durchgesehen und mit Korrekturen versehen.
Lutz Kleinwächter wurde am 13. Oktober 1953 in Prenzlau geboren, 1972 machte er das Abitur und studierte zunächst an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte der NVA in Löbau. Von 1975 bis 1980 absolvierte er das Studium der Außenpolitik am Institut für Internationale Beziehungen (IIB) in Potsdam-Babelsberg; danach arbeitete er im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR in der USA-Abteilung. Von 1982 bis 1990 war er Mitarbeiter des IIB und wurde am 25. Februar 1987 promoviert mit einer Dissertation zum Thema: „Der Kurs der USA auf Militarisierung des Weltraums und das Ringen der Staaten der sozialistischen Gemeinschaft um das Verbot der Weltraumrüstung (1981 bis 1986)“. Bereits in dieser Zeit war Lutz einer der besten Kenner der militärischen, politischen und völkerrechtlichen Probleme der Weltraumrüstung und an mehreren wichtigen monographischen Schriften des IIB zu diesem Thema beteiligt. 1988 und 1989 arbeitete er bei der UNO, im Genfer Abrüstungsausschuss, und war 1989/90 Teilnehmer am „Runden Militärtisch“ der DDR.
Seine Arbeiten am IIB und im Bereich der Außenpolitik hatten auch in Kooperation mit Militärs und Politikern der DDR und international dazu beigetragen, die Schlussfolgerung aus dem Kalten Krieg zu verankern, dass im Atomzeitalter der drohende Krieg im Ost-West-Konflikt zur Vernichtung der menschlichen Gattung führen würde. Frieden konnte nicht mehr auf militärische Abschreckung gegründet werden; es gibt Sicherheit nur noch mit dem tatsächlichen oder angenommenen Feind gemeinsam, wie es im Westen auch Egon Bahr betonte. Die Ideen der gemeinsamen Sicherheit, der Kriegsuntauglichkeit moderner Industriegesellschaften sowie der Rüstungsbegrenzung und Abrüstung machte Lutz Kleinwächter zu einer Leitlinie seines Denkens.
Von 1991 bis 1995 arbeitete er im Bildungswerk der Wirtschaft (bbw) als Fachbereichsleiter VWL, 1995-2008 als Unternehmensberater und Freiberuflicher Dozent an Universitäten, Hoch- und Fachschulen, 2008 erfolgte seine Berufung zum Professor an der bbw Hochschule der Wirtschaft, Berlin.
Seit 2004 war Lutz Kleinwächter gewählter Vorsitzender des WeltTrends e.V. Er hat die Festigung der Vereinsstruktur und dessen Geschäftstätigkeit für die Zeitschrift und den gleichnamigen Verlag maßgeblich vorangebracht. Nachdem Raimund Krämer seine langjährige erfolgreiche Tätigkeit als Chefredakteur der WeltTrends-Zeitschrift eingestellt hatte und die Zeitschrift auf ein kostengünstigeres Erscheinen als Vierteljahresschrift und im Online-Bereich umgestellt werden musste, hat Lutz wesentlich dazu beigetragen, diesen Übergang erfolgreich zu bewältigen.
Lutz war und blieb ein streitbarer Geist, der aus einem großen Fundus an historischem, politökonomischem und außenpolitischem Wissen schöpfte. Insofern war seine nachwendische Tätigkeit im Bereich der Wirtschaftswissenschaften nicht einfach ein Abgang des Brotgelehrten auf ein anderes Feld, sondern er verknüpfte auf höchst produktive Weise seine profunden Kenntnisse der internationalen Beziehungen und des genauen Wissens um militärische Faktoren mit der Analyse der weltwirtschaftlichen Verhältnisse und der Funktionsweise des realexistierenden westlichen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts.
Das machte ihn gefeit gegen alarmistische Töne in Bezug auf die deutsche Außenpolitik, aber auch gegen eine Unterschätzung wirtschaftlicher Macht. Es war ein realistisches Denken das ihn trieb, gespeist auch aus der Erfahrung des Scheiterns – der DDR und des „realen Sozialismus“. Er war bekannt für seine Fähigkeit, auch linke Weisheiten zu hinterfragen und durch theoretische und analytische Debatten zu schärfen. Dies tat Lutz auch mit seiner wiederkehrenden Kritik der Vorstellung eines unmittelbar bevorstehenden großen Krieges. Von der Idee der Vorbereitung eines großen Krieges der heutigen Eliten im Westen hielt er nichts. Er betonte, dass auch sie die Lehren des Kalten Krieges nicht völlig verdrängt haben: unter den Trümmern der menschlichen Zivilisation gibt es auch keine „westlichen Werte“ mehr. So war Lutz Kleinwächter ein sehr produktiver Analytiker der deutschen Außenpolitik auch in der Gegenwart.
Im Rahmen der Bestimmung deutscher Interessen nach 1990 galt es, auch das militärpolitische Umfeld neu zu bewerten. Deutschland hatte mit der Beteiligung an dem völkerrechtswidrigen Jugoslawienkrieg der NATO gegen die Bedingungen seiner Vereinigung verstoßen. Doch es waren insbesondere die USA und andere westliche Verbündete, die darauf drängten, Deutschland solle sich endlich „normalisieren“ und an den Kriegen des Westens beteiligen. Der Afghanistankrieg jedoch zeigte, und dies war der Befund, den Lutz Kleinwächter ausstellte: Der Einsatz militärischer Macht steht vor neuartigen Problemen. Die Zerstörung einer Volkswirtschaft und der Sturz der entsprechenden Führungskräfte durch hochentwickelte Staaten und ihr Militär sind relativ einfach in Szene zu setzen. Aber es gelingt nicht, eine wirtschaftlich produktive, geschweige denn demokratische Nachkriegsordnung zu schaffen. Im Gegensatz zur früheren Kolonialgeschichte sind die heutigen regionalen Kriege für die Großmächte verlustarm an Menschen, aber unprofitabel und ökonomisch sowie finanzpolitisch destabilisierend. Es ist dies ein neues Problem der „strategischen Überdehnung“.
Die 1990 erhaltende volle Souveränität und die Einheit schufen Deutschland die Möglichkeit zum Aufstieg zu einer global agierenden, ökonomisch und technologisch einflussreichen Macht. So betonte Lutz Kleinwächter, dass die „Bedrohungen“ für eine erfolgreiche Entwicklung Deutschlands nicht aus äußeren Rahmenbedingungen resultieren, sondern aus der neokonservativen Wirtschafts- und insbesondere Sozialpolitik, in der wesentliche Teile der Führungskräfte gefangen sind. Damit haben wir es heute gerade zu tun.
Mit seinem Sachverständigen-Gutachten zur öffentlichen Anhörung des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages zum Thema „Neue Weltraumstrategie Deutschlands“ am 23. September 2024 hatte er noch einmal versucht, die deutsche Außenpolitik auf Pfade der Vernunft zu bringen.
Wir werden das Andenken an Lutz Kleinwächter wahren und das Projekt WeltTrends weiter fortsetzen.
Dr. Erhard Crome
für das ganze WeltTrends-Team
WeltTrends 206 – Neuordnung Osteuropa
Obwohl Russland seine sozialistische Orientierung selbst aufgab und in den 1990er Jahren zu enger Zusammenarbeit bereit war, bis hin zu einer NATO-Mitgliedschaft, hörten die Globalisten der USA nie auf, in Russland den Feind zu sehen. Es will sich nicht einer US-dominierten Welt unterordnen. Mit dem „Euro-Maidan“ waren USA und Westeuropa bestrebt, die Ukraine in den Einflussbereich des Westens einzufügen; ähnlich wird gegenüber Georgien, Moldawien, Belarus sowie Serbien agiert.
Der Schwerpunkt dieses Heftes liegt vor allem auf den Ländern, die Mitglieder der EU sind. Auch sie sind in sich differenziert. Die regierenden Nationalisten in Ungarn, der Slowakei, der neue polnische Präsident sowie der wohl künftige Regierungschef in Tschechien legen großen Wert darauf, sich von Brüssel und Berlin keine Vorschriften machen zu lassen. Die baltischen Politiker bestärken den EU-Kurs gegen Russland. Weitere Themen des Heftes sind die deutsche Außenpolitik und die Frage nach neuerlicher Wehrpflicht im Lande; ferner BRICS, Mexiko und der Nahe Osten.