Jürgen Angelow
Krieg oder Frieden. Deutschland vor der Entscheidung
Rezension: Klaus v. Dohnanyi, Erich Vad (2025): Krieg oder Frieden. Deutschland vor der Entscheidung, Neu-Isenburg, 144 Seiten. ISBN: 978-3-98791-336-5.
Das Fazit dieses schmalen aber dennoch gewichtigen Buches lautet: Sicherheitspolitik ist mehr als Verteidigungspolitik, sie muss aktiv, realistisch und kooperativ sein, Dialog suchen und Anreize für friedliche Kooperation setzen, damit es nicht zum Verteidigungsfall kommt. Eine Ausweitung der kriegerischen Auseinandersetzung in der Ukraine auf Mitteleuropa würde in der atomaren Verwüstung der Bundesrepublik münden. „Kriegstüchtigkeit“ beschreibt für Deutschland daher den Ausgangspunkt eines Szenarios, das niemals eintreten darf. Dieser Grundgedanke wird vom Rezensenten geteilt.
Der Jurist und Politiker Dr. Klaus v. Dohnanyi (*1928) sowie der General a.D. und Politikberater Dr. Erich Vad (*1957) haben in einem in Hamburg aufgezeichneten Gespräch am 9. Juli 2025 nach Erkenntnissen gesucht, um aus der gegenwärtig verzwickten internationalen Situation mit heiler Haut herauszukommen. Beide sind durch profunde Veröffentlichungen zu den Internationalen Beziehungen und zur Friedensproblematik gerade nach dem Beginn des Ukraine-Krieges hervorgetreten (Klaus v. Dohnanyi: Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche, 2. Aufl. München 2025, Siedler Verlag.; Erich Vad: Abschreckend oder erschreckend? Europa ohne Sicherheit, Neu-Isenburg 2024, Westend Verlag.), sie haben sich abseits der kriegerischen Meinungsmache positioniert, die sich als Mehrheit aufführt und einer Beendigung des Krieges bisher im Wege stand. Sie treibt die Sorge um die Zukunft Deutschlands und Europas. Es geht ihnen um die Wiederherstellung des europäischen Friedens auf einer realistischen Grundlage, um die Wahrung deutscher und europäischer Interessen, um Augenmaß und Verantwortung, ein kooperatives Verhältnis zu Russland sowie um Beziehungen auf Augenhöhe gegenüber den Vereinigten Staaten. Dieses Anliegen ist ein strategisches, es reicht über die aktuelle Gefährdungslage seit dem 24. Februar 2022 hinaus.
Am Anfang des Buches tauschen beide ihre eigenen Vorgeschichten aus, aus denen ihr breiter Horizont an Erfahrungen und tieferen Einsichten hervorgeht: Kriegsgeneration, umfassende Bildung und Politiker-Laufbahn der eine, Bundeswehrsozialisation und Beschäftigung mit historischen-politischen Themen – etwa Clausewitz – der andere. Deutlich wird ihr Eingewoben-Sein in die Zeitläufte, die Ära des Kalten Krieges, der Entspannungspolitik sowie der Jahrzehnte nach Herstellung der deutschen Einheit, in denen die Stile und Denkstrategien der deutschen Außenpolitik transformierten und der Desorientierung unterlagen. Dazu passt die Bemerkung von Dohnanyis, die er allerdings an die Adresse seiner Partei richtet: „Seitdem die Wurzel der Friedenspolitik in der SPD nicht mehr besteht, sind wir politisch ein ärmeres Land geworden.“ (S. 140)
Das Gespräch der beiden handelt von den tiefere Ursachen des Krieges in Europa, denn Kriege haben eine Vorgeschichte, sie brechen nicht einfach so aus, wie Erich Vad in Anlehnung an Clausewitz feststellt. Und so entwickelt sich der Dialog der beiden alsbald zu einer Fundgrube bemerkenswerter Erkenntnisse zur Zeitgeschichte, behandelt Krisen und Konflikte sowie die Formen des Umgangs mit ihnen. Der Glaube, die Menschheit würde aus der Geschichte lernen, wird dabei enttäuscht. Hätten sich die USA und die Nato an die Blaupause der Kubakrise von 1962 gehalten, wäre der Krieg in der Ukraine aus russischer Sicht gar nicht notwendig gewesen. Erich Vad konkretisiert, dass der russische Einmarsch in die Ukraine sogar kurz vorher noch hätte vermieden werden können: Hätten Deutschland und Europa die Vorschläge Putins vom Dezember 2021 zur europäischen Sicherheitsarchitektur ernst genommen, wäre es wahrscheinlich gar nicht zu diesem Krieg gekommen (S. 111).

Diese Vorschläge standen noch immer in der Linie der Bemühungen des russischen Präsidenten, Zusammenarbeit und Sicherheit auf Augenhöhe zu organisieren, die sich bis zu seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag 2001 zurückverfolgen lässt. Klaus v. Dohnanyi hat diese Rede als einen „einzige(n) Schrei nach Zusammenarbeit“ (S. 144) charakterisiert. Würde der Westen bis zu den Vorschlägen Putins vom Dezember 2021 zurückgehen und an sie anknüpfen, wäre ein Ausgangspunkt erreicht, um einen Ausgleich der beiderseitigen Interessen und einen haltbaren Frieden zu organisieren.
Doch der politische Pfad, den der Westen eingeschlagen hatte, folgte einer anderen Logik: Nach der von Bill Clinton angestoßenen und von seinen Nachfolgern weitergeführten Nato-Osterweiterung, die gegen den Rat realistischer Denker in den eigenen Reihen wie den des amerikanischen Ex-Verteidigungsminister Robert Mc Namara (1916-2009) oder den des hochrangigen Diplomaten und Historiker George F. Kennan (1904-2005) unternommen wurde, sowie nach der amerikanischen „Regime-Change-Operation“ des sog. Maidan stand Russland vor einem strategischen Problem, welches immer größer wurde, je mehr der Westen die russischen Warnungen ignorierte. Ausgangspunkt dieser machtpolitischen Ausdehnung waren Überlegungen, Russland zu umzingeln und die Ukraine der machtpolitisch-strategischen Kontrolle der USA zu unterwerfen, wie sie der ehemalige Sicherheitsberater der USA Zbigniew Brezezinski (1928-2017) formuliert hatte.
Man sollte hinzufügen, dass in dieses Konzept die Beachtung russischer Sicherheitsbedürfnisse natürlich nicht eingepreist war. Mit bemerkenswerter Offenheit resümieren die beiden Autoren, welche Entscheidungen des Westens die internationalen Beziehungen zu dem Punkt geführt haben, an dem sie sich heute befinden. Dabei wird „der Westen“ nicht als eine homogene Einheit betrachtet, sondern in seine einzelnen Bestandteile und deren Interessen zerlegt. Die USA und mit Abstichen auch Großbritannien haben in Bezug auf einen möglichen mitteleuropäischen Kriegsschauplatz völlig andere Voraussetzungen als Deutschland, denn ein solcher Krieg stellt für sie eine Option dar, für Deutschland nicht. Das Verhältnis der beiden zur Bundesrepublik weist durchaus auch toxische Züge auf, die – so sollte hinzugefügt werden – hierzulande gern ausgeblendet werden. Klaus von Dohnanyi fordert daher, die Kommunikation mit Russland in die eigene Hand zu nehmen, was voraussetzt, die russischen Interessen endlich ernst zu nehmen: „Es gibt keinen Frieden in Europa ohne Russland und es gibt keinen Frieden in Europa, ohne dass Deutschland zu diesem Frieden mit Russland einen entscheidenden Beitrag leistet.“ (S. 117) Dabei sollte – so Erich Vad – an das russische Bedürfnis angeknüpft werden, nicht der Juniorpartner Chinas zu werden.
Das vorliegende Buch ist ein anspruchsvoller und seriöser Beitrag für die in der Medienöffentlichkeit leider nur eingeschränkt und parteiisch geführte Debatte um die Beendigung des Krieges in der Ukraine sowie darüber hinaus um eine längerfristige außenpolitische Orientierung der Bundesrepublik. Es ist flüssig erzählt und geschrieben, vermeidet an dieser Stelle unnötiges Theoretisieren oder Anmerkungen und ist daher für einen breiten Leserkreis geeignet. Die dialogische Form macht Denkprozesse und unterschiedliche Ausgangspunkte transparenter, sie erleichtert das Mitdenken und verbessert die Anschaulichkeit. Eine klare Leseempfehlung!
Bildangaben: Coverbild Buch Klaus v. Dohnanyi, Erich Vad (2025): Krieg oder Frieden. Deutschland vor der Entscheidung. © Westend Verlag.
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Seit einhundert Tagen ist die schwarz-rote Regierung im Amt. Erste Einschätzungen zu ihrem außen- und sicherheitspolitischen Kurs stehen im Zentrum des neuen Welttrend-Heftes.
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