Kathrin Chod
Kein Platz für Könige?
Unabhängigkeitserklärung der USA vor 250 Jahren
Mit der Unabhängigkeitserklärung entstand ein Dokument, das die Weltgeschichte weit über die Vorstellungskraft der Verfasser hinaus prägte. Am 2. Juli 1776 erklärte der in Philadelphia versammelte Zweite Kontinentalkongress die 13 Kolonien für unabhängig. Grundlage dafür war eine von Richard Henry Lee aus Virginia eingebrachte Resolution, die mit den Stimmen von zwölf der dreizehn Kolonien angenommen wurde. Zwei Tage später, am 4. Juli, folgte die Verabschiedung der „Declaration of Independence“, die maßgeblich von Thomas Jefferson verfasst wurde und dem Schritt zur Unabhängigkeit eine kraftvolle moralische Rechtfertigung verlieh.
Eigentlich hätte das Vereinigte Königreich zufrieden sein können. Im weltweiten Kampf mit Frankreich hatte es im Siebenjährigen Krieg, den Winston Churchill später den ersten Weltkrieg nannte, triumphiert. In Nordamerika hatte Großbritannien 1763 die Vorherrschaft errungen. Doch der Sieg hatte seinen Preis. Am Ende des Krieges war Großbritannien hoch verschuldet; die Zinszahlungen verschlangen mehr als die Hälfte des Staatshaushalts (Land 2010).
Eine Folge davon war die erstmalige Einführung von Steuern auch für die Siedler in den Kolonien. Gleichzeitig hatte Großbritannien seine Rivalen gedemütigt. Die Revanche kam im Unabhängigkeitskrieg: Die Monarchien Frankreich und Spanien unterstützten die republikanischen Kolonisten. Der globale Sieg mündete so in eine strategische Selbstsabotage.
Mehr als nur Steuern
Die Rebellion war kein bloßer Steueraufstand. Wirtschaftliche Gängelung, Handelsbeschränkungen und politische Entrechtung trafen auf ein wachsendes Selbstbewusstsein der Kolonien. Zugleich verbreiteten sich Nachrichten über die Praktiken der East India Company. So warnte der Patriot John Dickinson, ein eventuelles Regime der EIC in Amerika sei, als werde man „von Ratten gefressen“. (Dalrymple 2026, S. 323)
Der Tea Act, gedacht zur Sanierung der Company, wurde zum Symbol imperialer Bevormundung. Proteste eskalierten – etwa in der Boston Tea Party. Die britische Antwort, die sogenannten Intolerable Acts, verschärfte den Konflikt weiter. Besonders brisant: der Quebec Act. Er garantierte katholischen Franzosen Religionsfreiheit und begrenzte zugleich die Expansion der britischen Siedler. Für viele Kolonisten war das ein Affront – und ein willkommenes Feindbild. Antikatholische Ressentiments und Verschwörungsdenken fanden hier früh Nahrung.
Revolution mit doppeltem Boden
Die Amerikanische Revolution war kein reines Projekt der Aufklärung. Sie vereinte Freiheitsideale und Besitzinteressen, Fortschritt und Rassismus. Ein Beispiel ist das Urteil im Fall Somersett v. Stewart von Lord Mansfield (William Murray), das Sklaverei auf englischem Boden faktisch einschränkte. In den Südstaaten wurde dies mit Sorge beobachtet – weniger aus moralischen Gründen als aus Angst um Eigentum.
Gerade diese Ambivalenz prägt auch die Unabhängigkeitserklärung selbst. Ihr revolutionärer Kern liegt nicht in der Anklageliste gegen den König, sondern in der Präambel: Gleichheit, unveräußerliche Rechte, Volkssouveränität, Widerstandsrecht.
William Z. Foster (1951, S. 187) schrieb, sie „verkündete kühn das angestammte Recht des Volkes auf Revolution“. Der Historiker Tom Cutterham (2019) spricht zwar von einer „Kriegserklärung zwischen zwei Fraktionen der herrschenden Klasse“, sieht aber das revolutionäre Element als „Leitstern emanzipatorischer Bewegungen“: „Es führte Frauen, Töchter, Diener und Auszubildende dazu, ihre untergeordneten Positionen in der Kolonialgesellschaft in Frage zu stellen“. Schon der Brief Abigail Adams an den Kontinentalkongress 1776 mit dem berühmten „Remember the ladies!“ war ein früher, wenn auch erfolgloser Impuls für Frauenrechte.
Vernichtende Folgen für die Indigenen
Die Unabhängigkeitserklärung war ein Dokument weißer Siedler. Frauen, Besitzlose und Versklavte blieben außen vor. Eine Passage gegen die Sklaverei wurde gestrichen, um die Südstaaten nicht zu verprellen.
Noch gravierender waren die Folgen für die indigenen Völker. Die Rede von den „unbarmherzigen Indianern“ im Text der Erklärung markierte sie als Feinde. Viele Stämme unterstützten die Briten – in der Hoffnung, die Expansion der Siedler zu bremsen. Die Folgen waren für sie im wörtlichen Sinne vernichtend (Hochgeschwender 2016, S. 354f ). Selbst neutrale sowie mit den USA verbündete Stämme verloren, sofern sie östlich der Appalachen lebten, jede Souveränität. Zudem praktizierten die Siedler Formen der biologischen Kriegführung, zum Beispiel mit der Vernichtung von Maisfeldern und -vorräten: Der Indianerkrieg wurde somit zum Muster für den „American Way of Warfare“.
Auch die Ermordung von Verhandlungsführern ist kein Phänomen der Gegenwart. So entwickelten die Siedlermilizen „eine gewisse Neigung, ausgerechnet friedenswillige Häuptlinge zu ermorden, so etwa 1777 den „Shawnee Cornstalk“.
Ein globales Signal – und seine Ironie
Trotz aller Widersprüche wurde die amerikanische Revolution zum Modell. Haiti erhob sich 1791 gegen die Sklaverei. In Lateinamerika folgten Unabhängigkeitsbewegungen, die bis 1825 fast den gesamten Kontinent erfassten. Die Idee, dass Legitimität vom Volk ausgeht, war nicht mehr einzufangen. Sie wurde exportiert, adaptiert, radikalisiert. Eine bittere Ironie der Geschichte bleibt, dass heute die Souveränität von Staaten wie Haiti und Venezuela von der gegenwärtigen US-Regierung massiv eingeschränkt wird. Sicher gab es verdeckte Einflussnahmen seit langem. Neu ist, wie unverblümt die Interessen der USA (wieder) durchgesetzt werden.
Die Unabhängigkeitserklärung war ein dezidiert antimonarchisches Dokument. Wenn sich Donald Trump heute monarchischer Rhetorik und Symbolik bedient, ist das ein bemerkenswertes Zeichen dafür, dass die amerikanische Revolution ihre eigenen Ansprüche nie vollständig eingelöst hat.
Quellen
Cutterham, Tom (2019): In Defense of the American Revolution; In: Jacobin.
Dalrymple, William (2026): Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstand der East India Company 1600-1874.
Foster, William Z. (1951): Abriss der politischen Geschichte beider Amerika. Ausgabe Dietz Verlag 1957.
Hochgeschwender, Michael (2016): Die amerikanische Revolution, Geburt einer Nation 1763–1815.
Land, Jeremy (2010): The Price of Empire: Britain’s Military Costs During the Seven Years’ War (Master Thesis). Appalachian State University.
Bildnachweis: Das Bild entstammt den Twitteraccount von Donald Trump vom 19. Februar 2025. Es ist gemeinfrei. Das hier verwendete Materila stammt von wikimedia.
Der Artikel erschien zuerst in WT 209 – Südamerika in der neuen Weltordnung.
WeltTrends 209 – Südamerika in der neuen Weltordnung
Die USA beleben die Monnroe-Doktrin wieder. Die neue „Donroe-Doktrin“ und die Steigerung des Staatsterrorismus der USA gegenüber Kuba durch Interventionsdrohungen, einer Ölblockade mit katastrophalen humanitären Folgen und der Haftbefehl der USA gegen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raul Castro machen den Lateinamerika-Schwerpunkt dieses Heftes hoch aktuell.
Auch die Militärintervention in Venezuela inklusive dem völkerrechtswidrigen Kidnapping des Präsidenten Nicolas Maduro durch die USA zeigen, dass diese absteigende Supermacht in Lateinamerika die Basis für ihre Dominanz in einer multipolarenWelt sieht. Die Beiträge des Lateinamerika-Schwerpunktes zur neuesten Entwicklung des Kontinents zur Sicherheitslage, zu den Beziehungen zu den USA, China und Russland, zum EU-Mercosur-Abkommen und der Entwicklung in Brasilien analysieren das widerspruchsvolle Verhältnis Lateinamerikas zwischen dem Streben nach größerer Autonomie einerseits und einer Anpassung an die imperialen Ambitionen der USA andererseits.