Alexey Gromyko
Europas Niedergang: Erfüllt sich Oswald Spenglers Prophezeiung?
Europa steckt in der Krise. Stagnation, Spannungen und Aufrüstung prägen den Kontinent. Steht gar der Untergang des Abendlandes bevor?
Die gesamteuropäische Sicherheitslage hat sich verschlechtert. Eine neue Raketenkrise in Europa zeichnet sich ab. Ob es dem westlichen und dem östlichen Teil Europas gelingen wird, eine weitere Eskalation zu vermeiden und erneut eine Stabilisierung der Beziehungen zu erreichen, ist offen. Dahinter steht die Frage, ob jetzt der historische Niedergang eintritt, den Oswald Spengler mit seinem „Untergang des Abendlandes“ vorhergesagt hatte.
Europa ist seit Jahrhunderten eine Quelle der Entwicklung, Innovation, des technologischen Fortschritts und zugleich der Eroberung und Zerstörung. Seit dem Zeitalter der Entdeckungen erkundeten die Europäer neue Räume in der Welt, eroberten und unterwarfen sie. Zugleich kämpften sie ständig untereinander um Einflusssphären und Kolonien. Die europäischen Imperien machten die Welt für lange Zeit eurozentrisch und teilten sie schließlich Ende des 19. Jahrhunderts größtenteils unter sich auf.
[…]
Russland, das unglaubliche Prüfungen durchgemacht hatte, bewahrte nach der Oktoberrevolution nicht nur seine Staatlichkeit, sondern begann sogar, sein imperiales Erbe wiederherzustellen, und erlangte in den 1930er Jahren seinen Status als gesamteuropäisches Machtzentrum zurück.
Doch als wollte sich Europa von der Richtigkeit von Spenglers Diagnose überzeugen, verwandelte es sich in das Epizentrum eines noch schrecklicheren Blutvergießens. Die Initiativen der UdSSR zur Schaffung eines kollektiven Sicherheitssystems wurden weder von Frankreich noch von Großbritannien unterstützt. Der Zweite Weltkrieg bleibt Beispiel für den größten militärischen Konflikt der Menschheitsgeschichte, führte schließlich zum ersten Einsatz von Atomwaffen, zur Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki durch die USA im August 1945.
[…]
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schien die EU so stark geworden, dass sie die Vereinigten Staaten als Führungsmacht der westlichen Welt ablösen wollte (Rifkin 2004; Leonard 2005). Unter Präsident George W. Bush verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Moskau und Washington, während die Handels-, Wirtschafts- und Investitionszusammenarbeit mit dem vereinten Europa zunahm. Als Reaktion auf die Invasion der USA und Großbritanniens im Irak 2003 fanden vorübergehend wieder Treffen der „Großen Drei“ statt, allerdings in anderer Zusammensetzung als während des Zweiten Weltkriegs: Moskau, Berlin, Paris.
Dennoch gelang es Europa nicht, den „Spengler-Fluch“ loszuwerden. Sein neuer Niedergang begann. Grund war der Kurs der Alten Welt, sich erstens von Russland zu distanzieren und dann die Beziehungen zu ihm vollständig abzubrechen, und zweitens wieder dem geopolitischen und ideologischen Mainstream der Vereinigten Staaten zu folgen. Mit dieser Strategie tappte der europäische Teil des Westens in eine künstliche Falle, die in den 2020er Jahren deutlich wurde. Doch bereits lange zuvor erlitt die EU erste Rückschläge, von innen und von außen.
[…]

Der Artikel erschien auch in WeltTrends 205 – Deutsche Außenpolitik Militant.
WeltTrends 205 – Deutsche Außenpolitik Militant
Seit einhundert Tagen ist die schwarz-rote Regierung im Amt. Erste Einschätzungen zu ihrem außen- und sicherheitspolitischen Kurs stehen im Zentrum des neuen Welttrend-Heftes.
Die Regierung Merz setzt deutliche Akzente in Richtung einer Fortsetzung und Intensivierung der Zeitenwende-Politik ihrer Vorgängerregierung. Eine enorme schuldenfinanzierte Aufrüstungskampagne, immer schärfere Drohungen gegen Russland aber auch gegen China, neue und umfangreichere Waffenprogramme zur Unterstützung der Ukraine sowie eine bisher nicht vorstellbare Kriegs- und Feindrhetorik prägen die Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands. Diplomatie, friedliche Konfliktregelung und Abrüstung spielen demgegenüber eine nachgeordnete Rolle.