Buchbesprechung Odd Arne Westad
Der kommende Sturm.
Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt
Zu begrüßen ist es zweifellos, wenn ein Autor ein entschiedenes Plädoyer für den Frieden formuliert und angesichts wachsender globaler Spannungen konkrete Überlegungen vorlegt, wie sich das schlimmste Szenario – ein Krieg zwischen Großmächten – verhindern ließe. Genau dies unternimmt Odd Arne Westad in seinem Buch Der kommende Sturm, das sich als eindringliche Warnung wie auch als analytische Bestandsaufnahme der Gegenwart versteht.
Westad beschreibt die Herausbildung einer neuen multipolaren Weltordnung. Zwar bleiben die Vereinigten Staaten militärisch die dominierende Macht, doch ihre wirtschaftliche Vormachtstellung ist relativ geschwächt. Ähnlich wie Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehen sich die USA mit aufstrebenden Konkurrenten konfrontiert, allen voran China. Allerdings betont Westad, dass der vermeintliche Niedergang der USA häufig überzeichnet werde. Nach wie vor dominieren sie das globale Finanzsystem, ihre Währung ist Leitwährung, und strukturelle Vorteile wie ein großer Binnenmarkt, reiche Ressourcen und vergleichsweise günstige demografische Bedingungen bleiben bestehen.
Der norwegische Historiker, der an renommierten Institutionen wie der London School of Economics, Harvard und derzeit Yale lehrt, zählt zu den profiliertesten Kennern der internationalen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Studie zum Kalten Krieg hat er Maßstäbe gesetzt. Im vorliegenden Band widmet er sich angesichts einer erodierenden internationalen Ordnung der wichtigsten Frage unserer Zeit: der von Krieg und Frieden. Dabei sieht er erschreckende Ähnlichkeiten zur Entwicklung zum Ersten Weltkrieg.
Besonders interessant ist seine Analyse der Wahrnehmungen und Fehlwahrnehmungen zwischen den Großmächten. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Machtgefüge verschiebt, trägt laut Westad erheblich zu Spannungen bei. Ressentiments gegenüber China speisen sich nicht zuletzt aus inneren Unsicherheiten westlicher Gesellschaften. Wie schon vor 1914 würden ökonomische Ängste oft nach außen projiziert, statt die eigenen strukturellen Probleme zu adressieren. Diese Diagnose verleiht dem Buch eine aktuelle politische Schärfe.
Einer verbreiteten Hoffnung widerspricht Westad ausdrücklich: der Annahme, dass das enorme Zerstörungspotenzial moderner Waffen abschreckend genug sei, um Großmachtkriege zu verhindern. Historisch lasse sich dafür kaum ein belastbarer Beleg finden. Diese Einschätzung wirkt ernüchternd und zwingt dazu, vertraute sicherheitspolitische Gewissheiten zu hinterfragen.
Die deutsche Ausgabe erschien bemerkenswert schnell nach dem englischen Original. Der zugespitzte Untertitel betont stärker die drohende Kriegsgefahr und passt damit durchaus zur gegenwärtigen Lage. Überhaupt entsteht beim Lesen der Eindruck, dass politische Analysen heute einem rasanten Aktualitätsdruck unterliegen. Entwicklungen überschlagen sich, der Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran begann fast parallel zum Erscheinen der Originalausgabe des Buches.
In diesem Zusammenhang wird häufig von Politikern als Getriebenen gesprochen, denen angeblich die Zeit für besonnene Entscheidungen fehle. Doch diese Zeitknappheit ist nicht nur äußeren Umständen geschuldet ist. Politische Akteure tragen selbst dazu bei, wenn sie militärische Eskalationsdynamiken verstärken, etwa durch das Vorrücken von Streitkräften an Frontlinien regionaler Kriege oder der Forderung nach immer schnelleren Waffensystemen mit kürzerer Vorwarnzeit. Anders als die oft beschworenen „Schlafwandler“ handeln sie nicht blind, sondern treffen bewusste Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Insofern ist auch diesen Akteuren die Zeit für dieses Buch empfohlen, damit sich die Geschichte des Ersten Weltkrieges nicht in noch verheerenderen Ausmaßen wiederholt.
Westads Buch überzeugt durch seine klare Argumentation, historische Tiefenschärfe und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen. Es ist kein pazifistisches Werk, wohl aber ein nachdrücklicher Appell, die Lehren der Geschichte ernst zu nehmen sowie Kompromissbereitschaft und Diplomatie zu fördern.
Kathrin Chod
Bibliografische Angaben: Westad, Odd Arne (2026): Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Dierlamm. Verlag Klett Cotta, Stuttgart. 266 Seiten, 26 Euro.
Die Buchbesprechung erschien zuerst in Welttrends 209 – Südamerika in der neuen Weltordnung.
WeltTrends 209 – Südamerika in der neuen Weltordnung
Die USA beleben die Monnroe-Doktrin wieder. Die neue „Donroe-Doktrin“ und die Steigerung des Staatsterrorismus der USA gegenüber Kuba durch Interventionsdrohungen, einer Ölblockade mit katastrophalen humanitären Folgen und der Haftbefehl der USA gegen den ehemaligen kubanischen Präsidenten Raul Castro machen den Lateinamerika-Schwerpunkt dieses Heftes hoch aktuell.
Auch die Militärintervention in Venezuela inklusive dem völkerrechtswidrigen Kidnapping des Präsidenten Nicolas Maduro durch die USA zeigen, dass diese absteigende Supermacht in Lateinamerika die Basis für ihre Dominanz in einer multipolarenWelt sieht. Die Beiträge des Lateinamerika-Schwerpunktes zur neuesten Entwicklung des Kontinents zur Sicherheitslage, zu den Beziehungen zu den USA, China und Russland, zum EU-Mercosur-Abkommen und der Entwicklung in Brasilien analysieren das widerspruchsvolle Verhältnis Lateinamerikas zwischen dem Streben nach größerer Autonomie einerseits und einer Anpassung an die imperialen Ambitionen der USA andererseits.
Bildnachweis: Buchcover © Verlag Klett Cotta.